30 Jahre Amoklauf auf Polizeistation in Dorfen – Buchvorlage für Leonhard F. Seidl


3. März 2018 Facebook Twitter LinkedIn Google+ Nachrichten


Leonhard F. Seidl Foto: Katrin Heim

Vor 30 Jahren ereignete sich der Fall, von dem sich der in Isen aufgewachsene Leonhard F. Seidl für seinen Kriminalroman »Fronten« inspirieren ließ: Am 4. März 1988, erschoss im oberbayerischen Dorfen der psychisch kranke und isoliert lebende Waffensammler Slobodan Stefanovic aus Jugoslawien auf der Polizeiwache drei Polizisten. Noch am gleichen Morgen waren ihm von der Polizei sieben Waffen und 2.000 Schuss Munition abgenommen worden.

Auf das Attentat folgte eine Welle fremdenfeindlicher Reaktionen, die NPD verschickte Postwurfsendungen, Migranten wurden bespuckt und öffentlich als »Mörderschweine« beschimpft. Bürgermeister und Landratsamt erhielten Morddrohungen, weil sie zu »ausländerfreundlich« seien, vor Fremdenfeindlichkeit gewarnt und die »bösen, üblen und abstoßenden Reaktionen« verurteilt hatten. Auch Teile der Polizei und Politik stimmten Kriegsgeschrei an.

So erklärte der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter Ingo Herrmann: »Es ist völlig unverständlich, dass einem Ausländer in der Bundesrepublik ein Waffenschein erteilt wurde.« Der damalige Staatssekretär Peter Gauweiler (CSU) stellte bei der Pressekonferenz nach der Tat die Frage, »ob wir jeden Psychopathen im Land belassen müssen, bis ein Unglück geschieht«. Einen Monat später überfiel ein 20-jähriges NPD-Mitglied aus dem Nachbarort Isen, das sich selbst als »Nazi« bezeichnete und von den Medien als »Mister X« tituliert wurde, die örtliche Sparkasse, um die getöteten Polizisten zu rächen, und forderte »Ausländer« als Geiseln.

Leonhard F. Seidl Fronten Buch auf Basis des Attentates in Dorfen

Leonhard F. Seidl Fronten Buch auf Basis des Attentates in Dorfen

Leonhard F. Seidl, Schriftsteller und Sozialarbeiter, ließ sich für seinen Kriminalroman »Fronten« von diesem Fall inspirieren und holte ihn in die Jetztzeit, denn auch wenn Diskrimierung und Rassismus seit langem in der Mitte unserer Gesellschaft existieren, bekommen sie seit einigen Jahren, mit Pegida und den »Reichsbürgern«, viel Zulauf und spätestens mit der AfD ein bürgerliches Gesicht und parlamentarische Abgeordnete.

Seidl entwarf seinen Roman bereits, bevor die sogenannten Reichsbürger in die Öffentlichkeit traten und auch vor dem Attentat in München im Sommer 2016, das erschreckende Parallelen zum Fall vor 30 Jahren und dem Romangeschehen aufweist. Im Roman ist es der Bosnier Ayyub Zlatar, der auf einer Polizeiwache in Oberbayern drei Polizisten erschießt. Die kurdische Ärztin Roja wird bei dem Anschlag »des IS«, wie nun sofort vermutet wird, verschont und deswegen als Komplizin verdächtigt, verliert Patienten, Mann und Freunde.

Wenig später stürmt Markus Keilhofer, aufgewachsen bei seinen Großeltern, fanatischen »Reichsbürgern«, eine Moschee, um Muslime für den Anschlag büßen zu lassen, und Roja stellt sich ihm in den Weg… Geschickt verknüpft Seidl die Lebenswege der drei Protagonisten miteinander, die in einem packenden Finale aufeinandertreffen. »Fronten« ist ein hochaktueller Kriminalroman über Rassismus und Fanatismus und über den Mut, sich dem entgegenzustellen. 

Weitere Informationen zum Buch und dem Autor können Sie auf unserer Website nachlesen: http://www.edition-nautilus.de/programm/belletristik/buch-978-3-96054-051-9.html

Ein Bericht über den wahren Fall anlässlich des 25. Jahrestages erschien damals in der Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/erding/dorfen-das-drama-von-dorfen-1.1613961

© Katrin Heim

Leonhard F. Seidl, geboren 1976 in München und in Isen aufgewachsen, ist Schriftsteller und Sozialarbeiter. Er hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, u.a. für seine Arbeit »Beschriebene Blätter – kreatives Schreiben mit straffälligen Jugendlichen«, wofür er freiwillig im Knast saß. Für Fronten bekam Seidl mehrere Stipendien, u. a. war er Stipendiat der Romanwerkstatt Literaturforum im Brecht-Haus sowie der Bayerischen Akademie des Schreibens im Literaturhaus München. Mit dem Roman Mutterkorn (Kulturmaschinen, 2011) debütierte er, darauf folgten die Kriminalromane Genagelt (Emons, 2014) und Viecher (Emons, 2015). Mitglied im PEN.

(kh)

Kommentare

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen